Der vergessene Krieg:
May 13th, 2006Von Ruanda zum Kongo
2006 macht die Republik Kongo plötzlich wieder Schlagzeilen in den deutschen Zeitungen: Bürgerkrieg, Massaker, Elend und Tausende Tote versanken seit den brutalen Anfängen 1998 im Sumpf der Nachrichten – doch nun ist der riesige zentralafrikanische Staat auf einmal wieder präsent. Deutsche Soldaten sollen in den Kongo geschickt werden, und das schon bald. Dorthin, wo sie auf Kindersoldaten treffen könnten, in jedem Fall auf unfassbares Elend. Dorthin, wo 17000 Blauhelme seit Jahren versuchen, Frieden zu schaffen…seit Jahren ohne nennenswerten Erfolg. Was steckt dahinter? Und welchen Grund, bitteschön, haben wir Europäer, dort irgendwas zu riskieren?
Um Antworten darauf zu finden, muss man den Konflikt in der Demokratischen Republik Kongo begreifen; ein Blick in die Geschichte der Region bietet weit mehr als nur wirtschaftliche Interessen als Begründung an: Parallelen zur deutschen Geschichte können gezogen werden, postkoloniale Verantwortung ebenso wie Prinzipien und ethische Versprechen der Nachkriegszeit sind anzuführen.
Doch schauen wir uns alles von vorne an: Es war einmal…eine Region, die von den beiden Ethnien Hutu und Tutsi bewohnt wurde. Diese Region umfasst die heutigen Staaten Ruanda, Burundi, Kongo und Tansania. Die etwa 7 bis 10 Millionen Hutu bildeten mit etwa 90% die klare Mehrheit und waren zumeist Feldbauern. Sie konzentrierten sich vor allem in den fruchtbaren Tälern und Hanglagen Ruandas. Die Tutsi dagegen führten ihre Herkunft auf die Elite der traditionellen ostafrikanischen Königreiche zurück und bildeten nur 9% der Bevölkerung Ruandas bzw. 16% der Bevölkerung des Zwischenseengebietes (Burundi, Kongo, Tansania, Ruanda). Sie gingen vorrangig der Rinderzucht in den Höhenzügen Ruandas nach.
Soweit zu den Unterschieden der beiden Volksgruppen, deren „typische“ Vertreter übrigens auch geringfügig in Größe und Hautfarbe divergieren. Gemeinsam jedoch war und ist ihnen die Sprache, eine westliche Variante der Bantusprachen des Zwischenseengebietes: Das Kinyarwanda. Tatsächlich belegen archäologische Funde auch, dass die beiden Volksgruppen im Zwischenseengebiet mehr als 2000 Jahre lang einigermaßen friedlich neben- und miteinander lebten…ja, die den Tutsi tributpflichtigen Hutu konnten sogar in die Herrschaftsschicht aufsteigen – oft durch institutionalisierte Heirat, die eine gewollte Mischung der etwa 200 Clans garantierte. Alles in allem also ein recht friedliches Volk aus Herrschenden und Untergebenen, die sich nicht sehr streng über ihre Herkunft definierten.
Aber dann kamen, wie soll es anders sein, die Europäer ins Spiel – das Zwischenseengebiet wurde mit allen bekannten Mitteln kolonialisiert: 1899 wurden die Königreiche Ruanda und Burundi an Deutsch-Ostafrika angegliedert, und ab 1920, nach Niederlage der Deutschen im Ersten Weltkrieg, stand „Ruanda-Burundi“ unter belgischer Herrschaft.
Die Belgier – deren König Leopold II. sich übrigens auch darin gefiel, ab 1885 sein Königreich auf den niemals persönlich besuchten „Kongo-Freistaat“ auszudehnen – kategorisierten die Bewohner des Zwischenseengebietes nach rassischen Kriterien: Bauern wurden zu „negriden“ Hutu degradiert und Viehzüchter zu Tutsi – der „Herrenrasse weißer Neger“ – erhoben. Dies alles lief darauf hinaus, dass die Tutsi zur instrumentalisierten Oberschicht gemacht wurde, während die Hutu auf Tee- und Kaffeeplantagen ausgebeutet wurden: Sie besaßen keinerlei Landrechte mehr, was konsequenter Weise zu Hungersnot und Verarmung führte.
Erst nach dem zweiten Weltkrieg nahmen die Proteste der Hutu gegen diese soziale und politische Unterdrückung zu, und 1959 kam es zu den ersten gewalttätigen Ausschreitungen zwischen Hutu und Tutsi. 1960 musste der Tutsi-König fliehen, und mit ihm emigrierten etwa 200 000 Tutsi in den Nachbarstaat Uganda.
1962 schließlich hatten die Belgier keine Chance mehr – und vielleicht auch nicht den Willen – die Folgen ihrer Kolonialisierungsmethoden einzudämmen: Ruanda wird am 1.Juli unabhängiger Präsidialstaat mit Einkammerparlament. An der Spitze der Regierung steht Grégoire Kayibanda, Parteiführer der Parmehutu-Partei: Ein Hutu wird Staatspräsident.
Doch die nach Uganda geflohenen Tutsi sehen dieser Entwicklung nicht gleichmütig zu: Eine Rebellenarmee fällt 1963 aus dem Exil in Ruanda ein – und löst ein Massaker der Hutu an den in Ruanda verbliebenen Tutsi aus. In der folgenden Periode der Unruhen fliehen Tausende unterdrückte Hutu aus Burundi in den Hutu-Staat Ruanda.
In Uganda formieren sich die Tutsi-Rebellen neu: Sie gründen 1985 die Ruandische Patriotische Front (RPF) – mit dem Ziel einer Rückkehr der Flüchtlinge nach Ruanda, nach einem Sturz des Hutu-Regimes dort. Im Herbst 1990 startet die RPF ihren ersten Invasionsversuch – Belgien und einige Staaten Zentralafrikas entsenden jedoch Truppen, um diesen niederzuschlagen. Im Sommer 1992 kommt es zu Verhandlungen mit der RPF und im Folgejahr zum Abschluss der Verträge von Arusha: In diesen billigt das Hutu-Regime eine RPF-Präsenz an mehreren Standorten Ruandas, auch in der Hauptstadt Kigali. Doch der Schein trügt – mit Hilfe der USA, in Form von modernem Kriegsgerät, rüstet die RPF ihre Truppen weiter auf…
Was nun folgt, ist in dem Kinofilm „Hotel Ruanda“ von Terry George eindrücklich geschildert. Durch die fortwährenden Angriffe der RPF bildet sich eine Anti-Tutsi-Haltung innerhalb der Bevölkerung Ruandas, die von Hutu-Milizen gnadenlos instrumentalisiert wird: Als am 6.April 1994 das Flugzeug des Präsidenten Juvénal Habyarimana über Kigali abgeschossen wird – man weiß bis heute nicht, von wem – nutzen die tutsifeindlichen Milizen den Schock der Bevölkerung aus: Der zweitgrößte Völkermord nach dem Holocaust beginnt einen Tag später. Ähnlich wie die Propaganda des Nazi-Regimes wird gegen die Tutsi-Minderheit gehetzt, das Vokabular voll „Kakerlaken“ und „Volkszersetzer“. Es kommt zu Pogromen und Massakern auf offener Straße durch Hutu-Milizen – ein verhetztes Hutu-Volk verrät, verstümmelt und tötet seine engsten Nachbarn, Freunde und Verwandten…und die verbliebene Regierung schaut im besten Fall nur zu. Innerhalb von nur 100 Tagen kommt es zum Genozid, dessen Zahlen den Holocaust nicht übertreffen, deren Entstehung aber angesichts der Erfahrungen der Weltgemeinschaft umso erschreckender sind: zwischen 800 000 und 1 Million Tote – Tutsi wie oppositionelle Hutu – und 4.5 Millionen Flüchtlinge. Wieder einmal sieht die Weltgemeinschaft zu, die Blauhelme der UNO bringen alle Ausländer in Sicherheit und räumen das Feld – ein Freibrief an die blutdurstige Masse.
Doch dieses Trauma endet nicht mit dem Sieg der einmarschierenden RPF und der langsamen Verbrechensaufklärung und -verurteilung unter der neuen Tutsi-Regierung mit Pasteur Bizimungu an der Spitze. Zwar kommt Ruanda langsam zur Ruhe, sodass die schlimmsten Zeugnisse des Genozids in Ruhe entdeckt und verurteilt werden können. Bis heute, über ein Jahrzehnt später, haben die traditionellen Gacaca-Gerichte alle Hände voll damit zu tun, die Genozidprozesse zu einem Ende zu führen.
Doch die größten Verbrecher, Mitglieder der Hutu-Milizen, die die Massaker vorangetrieben hatten, sind schon längst über alle Berge bzw. Grenzen: Im Schutz Tausender Tutsi-Flüchtlinge, die 1994 Schutz in der Demokratischen Republik Kongo – damals noch „Zaire“ – suchen, machen sich die Milizen aus dem Staub. Im Dschungel Ost-Zaires formieren sich die Hutu-Milizen neu, massakrieren flüchtige und ansässige Tutsi und fallen immer wieder nach Ruanda ein – bis die Ruandische Armee unter Verteidigungsminister Paul Kagame 1996 in Zaire einmarschiert.
In den folgenden Jahren passiert dies immer wieder, und von 1998 bis 2002 entbrennt ein blutiger Bürgerkrieg in der 1997 frisch umbenannten Demokratischen Republik Kongo: Hutu- und Tutsi-Milizen an der Grenze zu Ruanda bekriegen sich untereinander, die Zivilbevölkerung und die einmarschierte Ruandische Armee. Unterstützt werden die Milizen nicht nur von Waffenhändlern aus aller Welt, sondern auch von den Nachbarländern und westlichen Staaten. Diese entwickeln ein großes Interesse daran, den Konflikt weiter zu schüren – unbeobachtet und unbelangt können so die katastrophalen wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse des (Ost-)Kongos ausgenutzt werden, um an die vielen, reichen Ressourcenschätze zu gelangen. Coltan, Gold, Diamanten, Uran, alles in Massen – die Menschen brauchen Arbeit und holen die wertvollen Rohstoffe zu schrecklichsten Bedingungen aus dem Boden. Und die Regierung des Kongo ist zu beschäftigt mit dem Bürgerkrieg, um sich zu wehren.
2002 ist offizielles Kriegsende im Kongo – doch unter geschilderten Bedingungen ist ein tatsächlicher Friede im wirtschaftlich und strategisch begehrten Gebiet des Ostkongo nicht möglich…und was macht die UNO? Sie soll, ohne einzugreifen natürlich, für Schutz der Zivilbevölkerung sorgen – und macht Schlagzeilen mit der Vergewaltigung ihrer Schutzbefohlenen. Man kann vielerlei Enschuldigungen für das Versagen der Blauhelme im Kongo anführen – seien es Sprachprobleme, mangelnde Ausbildung für einen solchen Einsatz, oder einfach zu wenig Soldaten und Etat. Aber Vergewaltigungen von Frauen und Mädchen, die keine andere Zufluchtstätte mehr haben, die geschändet, traumatisiert und verstümmelt in die Camps der UNO stolpern?
Im Dezember 04 marschiert wieder einmal die Ruandische Armee in den Kongo ein. Ob Ruandas Präsident Paul Kagame nicht einfach doch nur einen Vorwand braucht, um ein bisschen Coltan hier und ein paar Diamanten da mitgehen zu lassen?
Jedenfalls wird nun die Spezialeinheit “MONUC” (“Mission de l’Organisation des Nations unies en République démocratique du Congo”) der UNO mit erweitertem Mandat für den Kongo ausgestattet, um für Ordnung zu sorgen: Die Soldaten haben den Auftrag, die Milizen beider Seiten zu entwaffnen. Als Lockmittel für die Rebellen setzen sie das Versprechen der Amnestie für Kriegsverbrecher ein – diese werden bei Abgabe der Waffen entlohnt und in die Kongolesische Armee integriert. Ein hehres Angebot – zumal Macheten nicht unter den Waffenbegriff der UNO fallen. Doch wie kommt denn diese Entscheidung zu Stande? Von 1994 bis heute wurden mit Macheten Millionen Menschen getötet und verstümmelt. Doch in Zukunft sind Macheten keine Waffen mehr?
Eine Zwischenbilanz für den Kongo: Als Fortsetzung zu Ruanda gab es im Kongo seit 1998 über 3.5 Millionen Tote und 1,5 Millionen Vertriebene. Kindersoldaten, die dazu ausgebildet wurden – und werden – zu verstümmeln, zu foltern, zu töten, zu vergewaltigen und zu plündern. Vergewaltigte Frauen und Mädchen, grassierender HIV-Virus. Zivilisten, die keinerlei Hoffnung auf ein normales Leben haben können, die durch Schmerz, Trauer und Demütigung nichts als Resignation oder Hass entwickeln können – Hutu wie Tutsi.
Und doch, trotz der schwelenden Konflikte im Osten des Kongos, gibt es inzwischen einen Hoffnungsschimmer: Unter dem autorennfahrenden Präsidenten Joseph Kabila, der seinen Vater Laurent Kabila 2000 nach dessen Ermordung ablöste, scheint das Land im Jahre 2006 stabil genug für freie demokratische Wahlen – zum ersten Mal seit vier Jahrzehnten soll am 30.Juli 2006 gewählt werden. Zur Sicherung dieses bedeutenden Ereignisses fordert die UNO nicht nur finanzielle, sondern auch militärische Unterstützung aus Europa an. Doch die Europäer fackeln. Beschämend lange die Diskussionen, ob und was uns der Kongo angeht. Wo dagegen bleiben die Diskussionen, wie die – übrigens nur 1500 – geforderten Soldaten auf einen solchen Einsatz am besten vorbereitet werden können? Wo sind die politischen Stimmen, die aus berechtigtem Verantwortungs- oder Schuldgefühl heraus fordern, mehr in Ausbildung und Ausrüstung dieser Soldaten zu stecken, anstatt den Mangel an Genanntem als Hinderungsgrund für einen Einsatz anzuführen?
Nach dieser Geschichte eines jahrzehntelangen Konflikts voller Schuld und leerer Versprechen seitens der “westlichen Welt” sollte die volle Einsatzbereitschaft der Europäer eigentlich keinen Augenblick in Frage stehen.
Quellen:
taz ausland 9.3.05, 16.4.05
ai-Journal 1.6.04; 1.4.05
http://www.globalissues.org/Geopolitics/Africa/DRC.asp?p=1
Human Rights Watch:
hrw.org/africa/rwanda.php
hrw.org/english/docs/2004/12/04/congo9767.htm
Quellen:
taz ausland 9.3.05, 16.4.05
ai-Journal 1.6.04; 1.4.05
Human Rights Watch:








