Der vergessene Krieg:

May 13th, 2006

Von Ruanda zum Kongo

2006 macht die Republik Kongo plötzlich wieder Schlagzeilen in den deutschen Zeitungen: Bürgerkrieg, Massaker, Elend und Tausende Tote versanken seit den brutalen Anfängen 1998 im Sumpf der Nachrichten – doch nun ist der riesige zentralafrikanische Staat auf einmal wieder präsent. Deutsche Soldaten sollen in den Kongo geschickt werden, und das schon bald. Dorthin, wo sie auf Kindersoldaten treffen könnten, in jedem Fall auf unfassbares Elend. Dorthin, wo 17000 Blauhelme seit Jahren versuchen, Frieden zu schaffen…seit Jahren ohne nennenswerten Erfolg. Was steckt dahinter? Und welchen Grund, bitteschön, haben wir Europäer, dort irgendwas zu riskieren?
Um Antworten darauf zu finden, muss man den Konflikt in der Demokratischen Republik Kongo begreifen; ein Blick in die Geschichte der Region bietet weit mehr als nur wirtschaftliche Interessen als Begründung an: Parallelen zur deutschen Geschichte können gezogen werden, postkoloniale Verantwortung ebenso wie Prinzipien und ethische Versprechen der Nachkriegszeit sind anzuführen.

Ruandamap

Doch schauen wir uns alles von vorne an: Es war einmal…eine Region, die von den beiden Ethnien Hutu und Tutsi bewohnt wurde. Diese Region umfasst die heutigen Staaten Ruanda, Burundi, Kongo und Tansania. Die etwa 7 bis 10 Millionen Hutu bildeten mit etwa 90% die klare Mehrheit und waren zumeist Feldbauern. Sie konzentrierten sich vor allem in den fruchtbaren Tälern und Hanglagen Ruandas. Die Tutsi dagegen führten ihre Herkunft auf die Elite der traditionellen ostafrikanischen Königreiche zurück und bildeten nur 9% der Bevölkerung Ruandas bzw. 16% der Bevölkerung des Zwischenseengebietes (Burundi, Kongo, Tansania, Ruanda). Sie gingen vorrangig der Rinderzucht in den Höhenzügen Ruandas nach.
Soweit zu den Unterschieden der beiden Volksgruppen, deren „typische“ Vertreter übrigens auch geringfügig in Größe und Hautfarbe divergieren. Gemeinsam jedoch war und ist ihnen die Sprache, eine westliche Variante der Bantusprachen des Zwischenseengebietes: Das Kinyarwanda. Tatsächlich belegen archäologische Funde auch, dass die beiden Volksgruppen im Zwischenseengebiet mehr als 2000 Jahre lang einigermaßen friedlich neben- und miteinander lebten…ja, die den Tutsi tributpflichtigen Hutu konnten sogar in die Herrschaftsschicht aufsteigen – oft durch institutionalisierte Heirat, die eine gewollte Mischung der etwa 200 Clans garantierte. Alles in allem also ein recht friedliches Volk aus Herrschenden und Untergebenen, die sich nicht sehr streng über ihre Herkunft definierten.

Aber dann kamen, wie soll es anders sein, die Europäer ins Spiel – das Zwischenseengebiet wurde mit allen bekannten Mitteln kolonialisiert: 1899 wurden die Königreiche Ruanda und Burundi an Deutsch-Ostafrika angegliedert, und ab 1920, nach Niederlage der Deutschen im Ersten Weltkrieg, stand „Ruanda-Burundi“ unter belgischer Herrschaft.
Die Belgier – deren König Leopold II. sich übrigens auch darin gefiel, ab 1885 sein Königreich auf den niemals persönlich besuchten „Kongo-Freistaat“ auszudehnen – kategorisierten die Bewohner des Zwischenseengebietes nach rassischen Kriterien: Bauern wurden zu „negriden“ Hutu degradiert und Viehzüchter zu Tutsi – der „Herrenrasse weißer Neger“ – erhoben. Dies alles lief darauf hinaus, dass die Tutsi zur instrumentalisierten Oberschicht gemacht wurde, während die Hutu auf Tee- und Kaffeeplantagen ausgebeutet wurden: Sie besaßen keinerlei Landrechte mehr, was konsequenter Weise zu Hungersnot und Verarmung führte.
Erst nach dem zweiten Weltkrieg nahmen die Proteste der Hutu gegen diese soziale und politische Unterdrückung zu, und 1959 kam es zu den ersten gewalttätigen Ausschreitungen zwischen Hutu und Tutsi. 1960 musste der Tutsi-König fliehen, und mit ihm emigrierten etwa 200 000 Tutsi in den Nachbarstaat Uganda.
1962 schließlich hatten die Belgier keine Chance mehr – und vielleicht auch nicht den Willen – die Folgen ihrer Kolonialisierungsmethoden einzudämmen: Ruanda wird am 1.Juli unabhängiger Präsidialstaat mit Einkammerparlament. An der Spitze der Regierung steht Grégoire Kayibanda, Parteiführer der Parmehutu-Partei: Ein Hutu wird Staatspräsident.
Doch die nach Uganda geflohenen Tutsi sehen dieser Entwicklung nicht gleichmütig zu: Eine Rebellenarmee fällt 1963 aus dem Exil in Ruanda ein – und löst ein Massaker der Hutu an den in Ruanda verbliebenen Tutsi aus. In der folgenden Periode der Unruhen fliehen Tausende unterdrückte Hutu aus Burundi in den Hutu-Staat Ruanda.
In Uganda formieren sich die Tutsi-Rebellen neu: Sie gründen 1985 die Ruandische Patriotische Front (RPF) – mit dem Ziel einer Rückkehr der Flüchtlinge nach Ruanda, nach einem Sturz des Hutu-Regimes dort. Im Herbst 1990 startet die RPF ihren ersten Invasionsversuch – Belgien und einige Staaten Zentralafrikas entsenden jedoch Truppen, um diesen niederzuschlagen. Im Sommer 1992 kommt es zu Verhandlungen mit der RPF und im Folgejahr zum Abschluss der Verträge von Arusha: In diesen billigt das Hutu-Regime eine RPF-Präsenz an mehreren Standorten Ruandas, auch in der Hauptstadt Kigali. Doch der Schein trügt – mit Hilfe der USA, in Form von modernem Kriegsgerät, rüstet die RPF ihre Truppen weiter auf…

Was nun folgt, ist in dem Kinofilm „Hotel Ruanda“ von Terry George eindrücklich geschildert. Durch die fortwährenden Angriffe der RPF bildet sich eine Anti-Tutsi-Haltung innerhalb der Bevölkerung Ruandas, die von Hutu-Milizen gnadenlos instrumentalisiert wird: Als am 6.April 1994 das Flugzeug des Präsidenten Juvénal Habyarimana über Kigali abgeschossen wird – man weiß bis heute nicht, von wem – nutzen die tutsifeindlichen Milizen den Schock der Bevölkerung aus: Der zweitgrößte Völkermord nach dem Holocaust beginnt einen Tag später. Ähnlich wie die Propaganda des Nazi-Regimes wird gegen die Tutsi-Minderheit gehetzt, das Vokabular voll „Kakerlaken“ und „Volkszersetzer“. Es kommt zu Pogromen und Massakern auf offener Straße durch Hutu-Milizen – ein verhetztes Hutu-Volk verrät, verstümmelt und tötet seine engsten Nachbarn, Freunde und Verwandten…und die verbliebene Regierung schaut im besten Fall nur zu. Innerhalb von nur 100 Tagen kommt es zum Genozid, dessen Zahlen den Holocaust nicht übertreffen, deren Entstehung aber angesichts der Erfahrungen der Weltgemeinschaft umso erschreckender sind: zwischen 800 000 und 1 Million Tote – Tutsi wie oppositionelle Hutu – und 4.5 Millionen Flüchtlinge. Wieder einmal sieht die Weltgemeinschaft zu, die Blauhelme der UNO bringen alle Ausländer in Sicherheit und räumen das Feld – ein Freibrief an die blutdurstige Masse.

Doch dieses Trauma endet nicht mit dem Sieg der einmarschierenden RPF und der langsamen Verbrechensaufklärung und -verurteilung unter der neuen Tutsi-Regierung mit Pasteur Bizimungu an der Spitze. Zwar kommt Ruanda langsam zur Ruhe, sodass die schlimmsten Zeugnisse des Genozids in Ruhe entdeckt und verurteilt werden können. Bis heute, über ein Jahrzehnt später, haben die traditionellen Gacaca-Gerichte alle Hände voll damit zu tun, die Genozidprozesse zu einem Ende zu führen.
Doch die größten Verbrecher, Mitglieder der Hutu-Milizen, die die Massaker vorangetrieben hatten, sind schon längst über alle Berge bzw. Grenzen: Im Schutz Tausender Tutsi-Flüchtlinge, die 1994 Schutz in der Demokratischen Republik Kongo – damals noch „Zaire“ – suchen, machen sich die Milizen aus dem Staub. Im Dschungel Ost-Zaires formieren sich die Hutu-Milizen neu, massakrieren flüchtige und ansässige Tutsi und fallen immer wieder nach Ruanda ein – bis die Ruandische Armee unter Verteidigungsminister Paul Kagame 1996 in Zaire einmarschiert.
In den folgenden Jahren passiert dies immer wieder, und von 1998 bis 2002 entbrennt ein blutiger Bürgerkrieg in der 1997 frisch umbenannten Demokratischen Republik Kongo: Hutu- und Tutsi-Milizen an der Grenze zu Ruanda bekriegen sich untereinander, die Zivilbevölkerung und die einmarschierte Ruandische Armee. Unterstützt werden die Milizen nicht nur von Waffenhändlern aus aller Welt, sondern auch von den Nachbarländern und westlichen Staaten. Diese entwickeln ein großes Interesse daran, den Konflikt weiter zu schüren – unbeobachtet und unbelangt können so die katastrophalen wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse des (Ost-)Kongos ausgenutzt werden, um an die vielen, reichen Ressourcenschätze zu gelangen. Coltan, Gold, Diamanten, Uran, alles in Massen – die Menschen brauchen Arbeit und holen die wertvollen Rohstoffe zu schrecklichsten Bedingungen aus dem Boden. Und die Regierung des Kongo ist zu beschäftigt mit dem Bürgerkrieg, um sich zu wehren.
2002 ist offizielles Kriegsende im Kongo – doch unter geschilderten Bedingungen ist ein tatsächlicher Friede im wirtschaftlich und strategisch begehrten Gebiet des Ostkongo nicht möglich…und was macht die UNO? Sie soll, ohne einzugreifen natürlich, für Schutz der Zivilbevölkerung sorgen – und macht Schlagzeilen mit der Vergewaltigung ihrer Schutzbefohlenen. Man kann vielerlei Enschuldigungen für das Versagen der Blauhelme im Kongo anführen – seien es Sprachprobleme, mangelnde Ausbildung für einen solchen Einsatz, oder einfach zu wenig Soldaten und Etat. Aber Vergewaltigungen von Frauen und Mädchen, die keine andere Zufluchtstätte mehr haben, die geschändet, traumatisiert und verstümmelt in die Camps der UNO stolpern?

Im Dezember 04 marschiert wieder einmal die Ruandische Armee in den Kongo ein. Ob Ruandas Präsident Paul Kagame nicht einfach doch nur einen Vorwand braucht, um ein bisschen Coltan hier und ein paar Diamanten da mitgehen zu lassen?
Jedenfalls wird nun die Spezialeinheit “MONUC” (“Mission de l’Organisation des Nations unies en République démocratique du Congo”) der UNO mit erweitertem Mandat für den Kongo ausgestattet, um für Ordnung zu sorgen: Die Soldaten haben den Auftrag, die Milizen beider Seiten zu entwaffnen. Als Lockmittel für die Rebellen setzen sie das Versprechen der Amnestie für Kriegsverbrecher ein – diese werden bei Abgabe der Waffen entlohnt und in die Kongolesische Armee integriert. Ein hehres Angebot – zumal Macheten nicht unter den Waffenbegriff der UNO fallen. Doch wie kommt denn diese Entscheidung zu Stande? Von 1994 bis heute wurden mit Macheten Millionen Menschen getötet und verstümmelt. Doch in Zukunft sind Macheten keine Waffen mehr?
Eine Zwischenbilanz für den Kongo: Als Fortsetzung zu Ruanda gab es im Kongo seit 1998 über 3.5 Millionen Tote und 1,5 Millionen Vertriebene. Kindersoldaten, die dazu ausgebildet wurden – und werden – zu verstümmeln, zu foltern, zu töten, zu vergewaltigen und zu plündern. Vergewaltigte Frauen und Mädchen, grassierender HIV-Virus. Zivilisten, die keinerlei Hoffnung auf ein normales Leben haben können, die durch Schmerz, Trauer und Demütigung nichts als Resignation oder Hass entwickeln können – Hutu wie Tutsi.

Und doch, trotz der schwelenden Konflikte im Osten des Kongos, gibt es inzwischen einen Hoffnungsschimmer: Unter dem autorennfahrenden Präsidenten Joseph Kabila, der seinen Vater Laurent Kabila 2000 nach dessen Ermordung ablöste, scheint das Land im Jahre 2006 stabil genug für freie demokratische Wahlen – zum ersten Mal seit vier Jahrzehnten soll am 30.Juli 2006 gewählt werden. Zur Sicherung dieses bedeutenden Ereignisses fordert die UNO nicht nur finanzielle, sondern auch militärische Unterstützung aus Europa an. Doch die Europäer fackeln. Beschämend lange die Diskussionen, ob und was uns der Kongo angeht. Wo dagegen bleiben die Diskussionen, wie die – übrigens nur 1500 – geforderten Soldaten auf einen solchen Einsatz am besten vorbereitet werden können? Wo sind die politischen Stimmen, die aus berechtigtem Verantwortungs- oder Schuldgefühl heraus fordern, mehr in Ausbildung und Ausrüstung dieser Soldaten zu stecken, anstatt den Mangel an Genanntem als Hinderungsgrund für einen Einsatz anzuführen?
Nach dieser Geschichte eines jahrzehntelangen Konflikts voller Schuld und leerer Versprechen seitens der “westlichen Welt” sollte die volle Einsatzbereitschaft der Europäer eigentlich keinen Augenblick in Frage stehen.

Quellen:

taz ausland 9.3.05, 16.4.05
ai-Journal 1.6.04; 1.4.05
http://www.globalissues.org/Geopolitics/Africa/DRC.asp?p=1
Human Rights Watch:
hrw.org/africa/rwanda.php
hrw.org/english/docs/2004/12/04/congo9767.htm

Quellen:

taz ausland 9.3.05, 16.4.05
ai-Journal 1.6.04; 1.4.05

www.globalissues.org

Human Rights Watch:

www.hrw.org

www.hrw.org

Los cartoneros - Die Kartonsammler

May 2nd, 2006

Die sogenannten cartoneros sind nicht nur Kartonsammler, sondern auch Metall-, Flaschen- und Plastiksammler, die in Argentinien, vor allem in Buenos Aires zu finden sind.
cartonero1
Als ich dieses Jahr wieder in Argentinien war, fielen sie mir ganz besonders auf. Was machen diese Leute und wovon leben sie? Jeden Abend sieht man sie, wie sie durch die dunklen Straßen laufen und den Müll auf ihre Karren laden. Sie sind unscheinbar und doch überall. Irgendwie passen sie nicht in das Bild der Großstadt Buenos Aires, mit ihren Boutiquen und den europäisch aussehenden Menschen in capital (Zentrum von Buenos Aires).
cartonero3
Fakt ist aber, dass es sie gibt und inzwischen sind es nicht mehr nur einzelne Arbeitslose, sondern ganze Familien, die mit anpacken und pro Kilogramm weißes Schreibpapier 15 centavos (ca. 4 cents) verdienen. Es wurde sogar extra ein Zug, der tren blanco (weißer Zug) eingerichtet, der an 5 Tagen die Woche die Leute aus umliegenden Orten oder Teilen Buenos Aires ins Zentrum fährt. Dort wird dann hart gearbeitet und dafür verdammt wenig verdient. Eine durchschnittliche Cartonero-Familie bringt es etwa auf 150-200 Pesos (ca 40-55 Euro) pro Monat. Aber die harte Arbeit und der kleine Verdienst sind noch nicht alles. Ein cartonero muss auch damit rechnen von den Annahmestellen, den Recyclingunternehmen, übers Ohr gehauen zu werden. Statt 100 Kilo werden dann vielleicht nur 70 Kilo gewogen… Außerdem müssen sie häufig Schutzgelder bezahlen, denn trotz legaler Arbeit sind sie vor der Polizei nicht sicher.
Wenn ich das nächste Mal nach Buenos Aires komme, sind es sicher wieder ein paar mehr geworden und vielleicht werde ich sie dann mit ganz anderen Augen anschauen.
cartonero2
Quellen:

:) www.lateinamerikanachrichten.de

Deutsche Touris

April 7th, 2006

Ich saß gezwungenermaßen in einem quietschgelben Jeep und verfolgte, wie die Stadt langsam hinter uns blieb. Vor mir am Steuer die wirklich schlecht Englisch sprechende Reiseleitung: ein feuriger Argentinier, der Foto-Pausen vorschlug, wenn er selbst eine Zigarettenpause brauchte.
Mit mir saßen 7 weitere Personen im extra umgebauten Jeep mit Panorama-Blick.
Movi Track
Alle sprachen Deutsch – das war ich nach 6 Monaten echtem argentinischem Leben gar nicht mehr gewöhnt! Auf der Fahrt in die Berge unterhielten sie sich hauptsächlich über ihre Hotels, dass tatsächlich warmes Wasser aus der Dusche kommt oder darüber, wo man gut, sauber und keimfrei essen gehen kann. Ich fühlte mich sichtlich unwohl und meine Schwester stupste mich ab und zu an. Die Landschaft war sehr beeindruckend –

Anden

aber der Ausflug wurde mir durch die Kommentare der deutschen Touristen etwas verdorben. Gehörte ich denn wirklich auch zu denen?! Ich hätte gerne laut aufgelacht, als eine aus der Gruppe erzählte, dass sie drei Schachteln Papiertaschentücher aus der Drogerie in Deutschland mitgebracht hat, dann aber TATSÄCHLICH Taschentücher in einem argentinischen Supermarkt gefunden hat. Ich fragte mich, was solche Leute sich vorher über das Land, in das sie reisen, aneignen… denken sie denn, dass in Argentinien alles absolut primitiv ist?!
In unserem Ziel-Ort hoch oben in den Anden angekommen besuchten wir ein kleines Museum.

Cachi

Es gab noch vieles zu entdecken in diesem gemütlichen Ort: eine Kirche, niedliche Läden, in denen Handwerk der Region verkauft wurde, schnuckelige Cafés, die Treffpunkt der Einheimischen sind – doch die Mitglieder meiner Reisegruppe saßen schon nach etwa 20 Minuten Museum auf den Parkbänken und unterhielten sich über die aktuelle Lufttemperatur (diese Hitze ist ja NICHT auszuhalten!), über ihr nächstes Reiseziel oder was von der Welt SIE schon alles gesehen haben. Noch bevor ich überhaupt in die Nähe der Einheimischen kam, wurde ich schon gerufen und wir traten die Heimfahrt an.
Kurz vor der Stadt ging es an einer Baustelle vorbei, was natürlich zum „intelligenten“ Kommentar einer der Gruppenmitglieder führte: „Ach, haben die endlich auch den Teer entdeckt?!“ Ein anderer meinte zur Gruppe, als ein Kind an der roten Ampel begann, für ein paar Cent unsere Frontscheibe zu putzen: „So was! Der hat ja jetzt auch ohne Aufforderung angefangen!“ Ich dachte nur: und ihr leistet euch die teuersten Ausflüge, weil es in Euro umgerechnet ja ach-so-billig ist, aber dann über Scheibenputzer mosern, anstatt was von eurem Geld gegen die Armut zu verwenden.
Das war mein erstes und hoffentlich auch letztes „touristisches“ Erlebnis in dem Land, in dem ich mich eigentlich zu Hause fühle. Ich reagiere inzwischen allergisch auf jeglichen abwertenden Kommentar eines deutschen Touristen in Südamerika. Wir kommen nach Südamerika mit dem Denken, dass Deutschland etwas Besseres ist und Südamerika, die „Dritte Welt“, nichts auf die Reihe kriegt („Sie haben den Teer entdeckt!“) und unterentwickelt ist („Es gab tatsächlich Taschentücher im Supermarkt!“ oder „Iss bloß keinen grünen Salat oder ungeschälte Früchte im Restaurant!“).
Was mir klar wurde, gilt meiner Meinung nach nicht nur für Argentinien, sondern für den ganzen südamerikanischen Kontinent: Ja, vielleicht haben die Latinos eine andere Bauweise, andere Werkzeuge und weniger Sicherheitsvorkehrungen. Der Verkehr ist wirklich chaotisch, sie kommen grundsätzlich zu spät und improvisieren, was das Zeug hält. Das alles treibt die Wirtschaft vielleicht nicht voran. Aber wenn man mit ihnen lebt, arbeitet und sich mit ihnen unterhält, dann merkt man, dass sie einen Wert haben, der bei uns durch „Immer höher – immer schneller“ - Denken teilweise schon verloren gegangen ist: der Wert, eine Familie zu haben; der Wert, Freunde zu haben und neue Beziehungen zu knüpfen. Der Wert, sich einfach mit dem anderen zu beschäftigen und in Ruhe zu unterhalten, auch wenn der nächste Termin ansteht. Weil in diesem „ungeplanten“ Südamerika die Familie, Freunde, das Gespräch mit einem anderen Menschen und auch die Gastfreundschaft einen viel höheren Stellenwert einnehmen als jeder Termin.
Das ist es, was man als Tourist in Südamerika erleben sollte. Das ist es, was den Europäern, die längere Zeit dort leben, so gut gefällt. Und das ist es, was wir von den Südamerikanern lernen sollten…

Andi
Kaktus

(Andrea, 20 Jahre alt, lebte nach dem Abi für 6 Monate in Córdoba, Argentinien und arbeitete dort in einem christlichen Schulungszentrum für Jugendliche, die in ihrer Gemeinde aktiv sind, mit. Dieses „touristische“ Erlebnis hatte sie auf der 3-wöchigen Reise durch Argentinien, die sie nach dem Einsatz mit ihrer Schwester und deren Freund machte.)

Entwicklungsländer:

December 18th, 2005

Tourismus gleich Neokolonialismus?

Überlegungen für Afrika


„Der Tourist zerstört das was er sucht, indem er es findet“
Hans M. Enzensberger

Malealea ist ein winziges Dorf, im Hochgebirge des Königreichs Lesotho. Auf dem Campingplatz werden wir von halbwüchsigen Jungen in abgeschabten Wolldecken begrüßt. Sie wollen sich ein paar Loti mit einer Dorfführung verdienen. Nachdem das Geschäftliche geklärt ist, kommt ihre erste Frage: Wo wir unsere Jeans gekauft haben – und die Schuhe. Täglich sehen sie Levis und Nike, und tragen selbst löchrige Stiefel und höchstens mal ein „I love USA“ T-Shirt. Sie leiern nur den nötigen Touristentext herunter und gehen etwas abseits, manchmal weit voraus. Im Jugendhaus hören sie Hiphop, abends spielen sie auf selbst zusammengebastelten Instrumenten die „richtig afrikanischen“ Rhythmen.
Die Erwachsenen interessieren sich nicht für uns. Traditionsgemäß sitzen die Männer in einer der roten Lehmhütten beim Becher Most und unsere neugierige Störung kommentieren sie mit freundlichem Spott. Die Frauen am Brunnen beobachten uns aus der Distanz, manche beachten uns auch gar nicht. Als der kleine Junge meine blonden Haare streichelt, wird er zurückgerufen. In der Grundschule von Malealea werden die Kinder nicht zurückgerufen. Wir sind eine willkommene Abwechslung – sie stürzen sich auf uns, wollen alle gleichzeitig aufs Foto. Und wir schreiben für jeden mindestens einmal unseren Namen ins Heft. Enttäuscht sind sie nur, wenn wir uns ihre Namen nicht merken können. Die Kleinen tragen alle noch die traditionellen bunten Wolldecken der Sotho und freuen sich darüber, dass die komischen Weißen sich für sie interessieren. Wir fragen uns, wie lange noch. Vielleicht zwei, drei Jahre, dann werden auch sie anfangen, uns nur wegen der Markenkleidung zu betrachten.
Gleichaltrige in einem ehemaligen Informal Settlement im südafrikanischen Soweto sind schon lange nicht mehr so unbedarft. In abgerissenen Hemden laufen sie uns entgegen, nehmen unsere Hände. Und fragen nach Geld. Eins haben sie schnell gelernt: Touristen sind eine unerschöpfliche Geldquelle. Und man muss nicht viel dafür tun, um diese anzuzapfen. Arbeiten? In einem Land mit über 40% Arbeitslosen? In einer Siedlung, wo fast keiner der Erwachsenen Arbeit hat? Ohne Perspektiven und Vorbilder ist Betteln so einfach.
Interessant und schrecklich, solche Zustände und Entwicklungen zu betrachten. Noch schrecklicher jedoch die Frage, die sich dabei aufdrängt: Ist der Tourismus schuld an den Problemen? Sind wir Touristen etwa nicht besser als die Entdecker, Missionare, Journalisten und Kriegsreisende, die die Kolonialisierung einleiteten und vorantrieben? Verderben wir mit unserem Geld mehr, als wir Gutes tun? Wie begegnen wir eigentlich heute den „Eingeborenen“, wenn wir uns ein exotisches Entwicklungsland anschauen?
Der Begriff Neokolonialismus ist schnell besetzt, wenn man das unwillkürliche Wecken von Wünschen – die Ingangsetzung eines Akkulturationsprozesses – hernimmt. Das Fernsehen muss noch gar nicht in einem Dorf wie Malealea angekommen sein, da kommen wir Touristen – ob nun „Öko“ oder „Ethno“ oder stinknormal – und zeigen die andere Welt. Die Welt, zu der wir den Menschen, in denen wir Wünsche und Neid wecken, den Zutritt verweigern. Wer schenkt nicht lieber mal eine Jeans her, um einem Kind was Gutes zu tun – anstatt zuhause dauerhaft Einschnitte durch beispielsweise Freihandelsabkommen zu akzeptieren. Aber natürlich wirft der Tourismus nicht nur die gesamte Lebenswelt der Einheimischen über den Haufen – sie verdienen ja schließlich auch daran.
Manchmal. Wenn wir nicht gerade über TUI einen deutschen Reiseveranstalter gebucht haben. Einheimische Unternehmer tendieren häufiger dazu, gezielt Einrichtungen ihrer Landsleute anzusteuern, damit die Devisen im Land bleiben.
Neokolonialismus also jedenfalls insofern, als Touristen in ihrem Lebensstil und -niveau Maßstäbe setzen. Daran kann wohl kein Reisender etwas ändern, es sei denn, er bleibt zu Hause. Aber wie sieht es mit unserer Haltung aus? Was erwarten wir vom Land für uns? Begegnen wir den „exotischen“ Menschen auf Augenhöhe? Die Kolonialisten hatten damals zwar die verschiedensten Motive, in die Kolonien zu ziehen – aber eins hatten sie alle gemeinsam: Ihre Grundhaltung, resultierend aus der Überzeugung, die überlegenere Rasse zu sein. Und heute? Motive für die Reise in ein Entwicklungsland haben wir viele: Flucht aus dem Alltag bzw. der Zivilisation, der Reiz des Exotischen, die Jagd oder schöne Fotos. Es soll zwar alles ganz anders sein in einem solchen Urlaub – aber so gewisse Dinge dürfen natürlich nicht fehlen: Deutsches Brot, Klimaanlage im Auto und gefährliche Schwarze bitte nur auf Teleobjektiv-Distanz… Ansprüche, die für jeden nachvollziehbar sind, der schon in Afrika war – aber je mehr dieser Ansprüche wir stellen, desto mehr gleicht unser Auto einer schalldichten Gondel, in der wir nur das vom Land erleben, was wir erleben wollen. Wie ein 3D-Film zieht die romantische Wildnis an uns vorbei, und wir bestimmen, wie real der Film sein soll. Denn wollen wir wirklich sehen, wie die Mehrheit der Einheimischen lebt? Nein, wir wollen zum Zulu-Dorf, wo uns die „echten“ Zulus zeigen, wie traditionsverhaftet und steinzeitmäßig sie leben.
Zulufrau
Oder wir wollen zu den Himbas, die man immer in Werbeanzeigen für Namibia sieht. Doch wo ist der Unterschied? Wahrscheinlich in der Antwort auf die Frage, ob die Einheimischen besucht werden wollen. Die Zulus führen uns ihre Kultur vor, Tanzen haben sich viele zum Job gemacht – ein durchaus lukrativer Job, der, wenn vielleicht auch künstlich, eine Kultur bewahrt oder wiederbelebt. Den Himbas dagegen rückt der Tourismus in ihrer tatsächlichen Lebenswelt und gelebten Kultur auf die Pelle. Wer will schon gerne dabei fotografiert werden, wenn er seinem Kind die Brust gibt oder mal muss? Tagesabläufe und Selbstvertrauen werden gestört, Anpassungen an die Touristenbusse gemacht – ist das nicht eine neue Form des Neokolonialismus? Wir kommen, knipsen und hinterlassen unseren Stempel. Unseren Stempel, der zeigt, dass eines jeden Glück das Geld ist – und dass dieses Geld durch ein leidvolles Gesicht schneller verdient ist als durch Arbeit. Wie soll sich ein Land entwickeln, wenn der Tourismus eine Bettlergeneration mit hoffnungslos hoch gesteckten Idealen heranzieht?
Und wie begegnen wir eigentlich den Einheimischen? Beschränkt sich ihre Rolle nicht im Wesentlichen auf die des Fotoopfers? Nicht nur die gern angeführte Sprachbarriere verhindert die echte Kommunikation – mit der geschlossenen, „sicheren“ Touristengruppe steht den „Ureinwohnern“ eine Front gegenüber. Ob dies nun als Reich und Arm, als Entwickelt und Unterentwickelt, Normal und Exotisch, Gebildet und Unzivilisiert oder König und Untergebene empfunden wird, bleibt sich gleich. Wir kriegen „Buschmann-Essen“ und ziehen klagend unsere Notration Müsliriegel heraus; wir gehen mit den Buschmännern auf Wandersafari, aber wehe der Buschmann hat kein Gewehr dabei. Kurzum, ein Tourist lässt sich nicht auf das Einheimische ein, ein Tourist sagt, wo es lang geht und hat letztendlich immer das letzte Wort. Das sollte zu denken geben. Uns allen, weil sich wohl keiner ganz ausschließen kann. Bestimmt fallen jedem Reisenden ähnliche Beispiele ein, wo er sich selbst im alten Rollengefüge der vorigen Jahrhunderte wiedergefunden hat. Oft unbewusst, meist ohne die verschwimmende Grenze zu spüren – die Grenze zwischen einem Gast-Gastgeber-Verhältnis und dem eines Herrschaftsgefälles. Ein Gedanke wert.

Urbanisierung in Lateinamerika

December 18th, 2005

Staubige Strassen, unbefestigte Strassen, viele Menschen darauf, streunende Hunde, Müll der herumliegt, Hütten, aus Wellblech, alten Holzlatten, Schilf, Blechkanister und Kartons…
So ein Bild bietet uns der Blick in die Großstädte Lateinamerikas.
Slum
Während wir täglich einen unbeschreiblichen Luxus genießen, leben in Lateinamerika über 60 Prozent der Armen (mit Armen sind die Menschen gemeint, die selbst dann nicht für eine ausreichende Ernährung ihrer Mitglieder sorgen können, wenn sie das gesamte Einkommen für Nahrungsmittel ausgeben) in den riesigen Ballungsräumen der Städte. Die Städte, die einst mit Fortschritt, Zivilisation und sozialer Geselligkeit Massen in ihren Bann zogen, sind zu einem großen Problem geworden. Wie es zu dieser Verstädterung kommen konnte und wieso beispielsweise in Argentinien, das eine stolze Fläche von 2,78 Mio qkm hat, mehr als 40 Prozent der Bevölkerung in Buenos Aires lebt, möchte ich mit diesem Artikel nachgehen.
Die sogenannten Slums oder auch Elendsviertel, in denen mehr Menschen leben, als wir uns tatsächlich vorstellen können, sind für uns Europäer oft der Inbegriff des Elends. Für viele Betroffene stellen sie aber die Erfüllung eines Traums dar- der Traum von den eigenen vier Wänden. Doch was sind dann die konkreten Probleme der Armen in den Städten? Einmal die Arbeitslosigkeit, bzw. die Art der Arbeit. Die Mehrheit der Armen ist nicht im modernen formellen Sektor beschäftigt, sondern im informellen Sektor, der durch äußerst schlechte Arbeitsbedingungen, geringe Entlohnung und kaum, bzw. keine sozialrechtliche Absicherung, geprägt wird. Dann spielt sich das Leben der Armen in den Städten unmittelbar neben dem der Reichen ab. Die Reichen, die sich nicht selten durch Gitter, Alarmanlagen und Wächter abschotten, haben in der Gesellschaft die Vorteile. Es sind die Armen, denen oft nichts anderes übrig bleibt, als Kriminalität anzuwenden – eine reine Überlebensstrategie.
Die Millionenstädte haben ihren Ursprung bereits in der frühen Kolonialzeit, um 1600. Die Funktion der Städte war, die indigene Bevölkerung auf dem Land zu kontrollieren und eine enge Verbindung mit Spanien bzw. Portugal aufrechtzuerhalten. Das Ziel der Eroberer war die Ausbeutung der Indigenas, man wollte nur ihre Rohstoffe und ihre Arbeitskraft. Es folgte eine immer größer werdende Kluft zwischen Land und Stadt. Die Stadt war der Inbegriff des Fortschritts und der Zivilisation, das Land galt als rückständig und die Menschen, die dort lebten, waren sozial isoliert.
Man kann als Hauptgründe für die immer weiter wachsenden Städte zwei Aspekte nennen. Einmal die Land-Stadt Wanderungen und zweitens das natürliche Bevölkerungswachstum in den Städten aufgrund des Geburtenüberschusses. Die Wanderungen in die Städte haben mit sogenannten Push-und Pull- Faktoren zu tun. Zu den vom Land wegstoßenden Faktoren gehört die schlechte Landverteilung der nutzbaren Fläche, die mangelnde Bodenqualität, die Ineffizienz der ländlichen Agrarwirtschaft, die Notwendigkeit zusätzlichen Einkommens und die, teilweise durch Mechanisierung hervorgerufene, Arbeitslosigkeit der Landarbeiter.
Zu den anziehenden Faktoren gehören die vielversprechenden Erwerbsmöglichkeiten, der Zugang zu Konsumgütern, die vermeintlich bessere Infrastruktur sowie die besseren langfristigen Zukunftschancen.
Das natürliche Bevölkerungswachstum gründet sich auf der sinkenden Sterberate, und der gleichzeitig gleichbleibenden Geburtenrate.
Die Folgen der Verstädterung in Lateinamerika, aber auch in vielen anderen Ländern dieser Erde, treffen tagtäglich so viele Menschen, dass wir uns tatsächlich immer wieder Gedanken darüber machen sollten, wie gut es uns geht, wenn wir ein Bett für uns alleine haben, sauberes Wasser benutzen können und ein stabiles Dach über dem Kopf haben.

Quellen:

• Waldmann, Peter; Nolte, Detlef: Bevölkerungsentwicklung und Verstädterung, in: Informationen zur politischen Bildung, Nr. 226, 2000
• Krumwiede, Heinrich-W.: Armut in Lateinamerika als soziales und politisches Problem, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 38-39, 2003

Wir sind die, die anders denken wollen

December 1st, 2005

So jetzt gibt es sie also: unsere neue Homepage. ;)

Noch ist sie im Aufbau, aber wir wollen sie als eine alternative Zeitung gestalten,
mit alternativen Artikeln, die uns und Anderen die Möglichkeit geben
diese Welt zu einem gerechteren Ort zu machen
und Unrecht aufzuklären und zu bekämpfen,
hier und in der ärmeren (dritten) Welt aufzuklären.

Konkret:

  • Wo beutet die Wirtschaft arme Menschen aus
  • Wo kann ich fair gehandelte Kleidung kaufen
  • Was macht der Tourismus mit den ärmeren Ländern
  • Wo gibt es Projekte an die es sich zu Spenden lohnt
  • Was macht die Entwicklungshilfe wirklich

Tja wir hoffen, dass es was wird

Valerie,Ute,Mirco,Stefan,…